18/05/2026 0 Kommentare
Meine Zeit als Vikar in Stockerau
Meine Zeit als Vikar in Stockerau
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Meine Zeit als Vikar in Stockerau
Heute einen Rückblick auf mein Vikariatsjahr in Stockerau zu schreiben, fühlt sich irritierend an. Habe ich nicht erst vor Kurzem mit Christian mein erstes Jour Fixe gehabt? Mit den außergewöhnlichen MusikerInnen der Gemeinde Gottesdienst gefeiert? Mit vielen wunderbaren Menschen meine ersten Gespräche geführt?
Seit dem letzten Sommer ist jedenfalls viel passiert. Da wären einmal jene Kompetenzen, die man unter Begleitung seines Lehrpfarrers erlernen soll: Gottesdienste vorbereiten, Bibelrunden und Kaffee-Impuls gestalten oder besondere Feiertage festlich anleiten. Mit Freude denke ich zum Beispiel an die für mich besonders eindrucksvollen Gottesdienste zu Weihnachten, am Neujahrstag oder am Karfreitag. Oder die gefeierten Taufen, die Beerdigungen in Stockerau und auch in Vertretung außerhalb, die Konfirmation samt Vorbereitung und natürlich die Hochzeit am 9. Mai.

Mit großer Dankbarkeit denke ich auch an jene Veranstaltungen, die neben der laufenden „Kirchenroutine“ stattgefunden haben. Da wäre etwa der Gemeindeausflug zur Brudergemeinde, das Adventkonzert der Musikschule oder die Veranstaltung zur Gefängnisseelsorge mit unserem Superintendenten und dem Stv. Kommandanten der Justizanstalt Sonnberg.
Was diesen Ereignissen allen gemeinsam ist? Ich denke, es ist der uneigennützige Einsatz vieler sympathischer und offener Menschen, die diese Gemeinde ausmachen. So gesehen ist die Bezeichnung „Lehrpfarrer“ zu eng gefasst, denn treffender müsste man von einer „Lehr-Gemeinde“ sprechen. Durch das Mitfeiern, Mitdiskutieren, Kuchenbacken und Kaffeekochen, Hin- und Herräumen, Texte lesen und Mitsingen, Buchungen durchführen und Protokolle schreiben, nette Worte und ein aufmunterndes Lächeln oder manchmal auch die Zigarette nach dem Gottesdienst… - durch all das habe ich jenes Vertrauen und Wohlwollen erfahren dürfen, das eine geistliche Arbeit in der Gemeinde erst möglich macht.
Besonders dankbar bin ich natürlich für das tolle Engagement unserer Gemeinde in der Gefängnisseelsorge. Wie spontan und schnell es uns 2025 gelungen ist, vergessenen Häftlingen mit Weihnachtspaketen Trost und Licht in den Gefängnisalltag zu bringen, ist im Rückblick fast unglaublich. Viele Brüder und Schwestern unserer Gemeinde haben dieses Projekt unterstützt – sei es durch ihre Arbeit, ihre aufmunternden Worte, ihre Spenden und oft auch alles zusammen. So ist es möglich, auch die große Paketaktion 2026 (mind. 80 Pakete für jene Häftlinge, die in diesem Jahr weder einen Besuch noch eine finanzielle Zuwendung bekommen haben) durchzuführen. Die Früchte dieses außergewöhnlichen Engagements sind für mich bei meinen Besuchen in der Justizanstalt Sonnberg hautnah erfahrbar – zum Beispiel darin, dass immer mehr Männer unterschiedlichster Konfessionen und Religionen unseren Gottesdienst besuchen. Und seit Anfang des Jahres 2026 gestalten zwei Häftlinge mit ihrer Bratsche und Gitarre den Gottesdienst musikalisch mit – was für eine Freude! Nochmals herzlichen Dank dafür!

Als Vikar unserer Kirche kann ich mir kaum eine bessere Lehrpfarre vorstellen als Stockerau. Viele tolle Menschen mit ihren ganz unterschiedlichen und einmaligen Erfahrungen und Begabungen bilden gemeinsam eine lebendige und bunte Gemeinschaft. Auf diesem Boden ist es besonders einfach, die ersten Schritte als zukünftiger Pfarrer zu gehen. Viele Köpfe und Herzen sind zur Stelle, wenn es gilt neue Ideen zu entwickeln, viele Hände setzen sie mit einem Lächeln in die Tat um. Wie zum Beispiel beim Lutheressen des Presbyteriums als Rezeptkritikerin, Koch oder Köchin, Musiker, Student und Studentin oder als Servicekraft.
So gesehen verwundert es nicht, dass ich in der Verkündigung der Frohen Botschaft unseres Herrn Jesus Christus viel Unterstützung und Förderung erfahren habe. Es ist sicher ein Zeichen der Qualität dieser Gemeinde, in welchem Ausmaß sie unterschiedlichste Formen der Verkündigung mitträgt und unterstützt. Ob nun besonders künstlerisch, anspruchsvoll, berührend, abwechslungsreich, traditionell, modern oder auch irgendwie alles zusammen – ich hatte immer den Eindruck, die Gemeinde macht mehr aus meinen Impulsen als ich hineingelegt habe.
Zum Schluss möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlichen beim „Lehr-Pfarrer-Ehepaar“ Christian und Karin Brost bedanken. Die Bereitschaft, sich auf einen neuen Vikar einzulassen, ging über ein rein professionelles Lehrer-Schüler-Verhältnis weit hinaus. Meine ganze Familie (samt Weihnachtsschafen und Osterhund) wurden in die Pfarrfamilie Brost aufgenommen – einschließlich gemeinsamem Weihnachtsessen am 24.12. in der Pfarrerswohnung in Stockerau.
Möge unser liebender Gott die Pfarrgemeinde Stockerau und alle ihre Glieder weiterhin segnen und bewahren!
Herzlichst,
Euer Vikar Armin
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